346 BAUZEITUXG Nr. 44 mit Marktplatz. Wer nun einige dieser alten Anlagen auf der Hauptverkehrsstraße durchwandert, ist erstaunt über die Fülle von Abwechslung und Gegensätzen in den einzelnen Straßen selbst (Abb.3u.4) und in den Städten untereinander. Unwillkürlich drängt sich die Frage auf, wie ist es mög ­ lich, daß mittelalterliches Kulturniveau über eine solche Fülle von Möglichkeiten gebot und stets über so etwas überraschend Neues verfügte. Der Haupteinwand, das Yerkehrshindernde, ist bei der Beurteilung dieser An ­ lagen nicht ins Feld zu führen, da für die damaligen Verhältnisse diese Straßen vollauf genügten. Daß bei dem modernen Verkehr (Tram, Automobil, Fahrrad, Hoch- und Untergrundbahn) großzügigere Anlagen not ­ wendig sind, wird für jeden Kenner selbstverständlich sein. Aber daß gleich das Kind mit dem Bade aus ­ geschüttet wurde und für kleinere Städte die Verkehrs ­ mittel der Großstadt zugrunde gelegt wurden, hat sich bitter gerächt (Verkehr auf der Königstraße analog der Bahnhofstraße Bietigheim) (Abb. 5). Dank der Aufklärung führender Geister ist das alles der feinfühlenden Laienwelt schwer auf das Herz gefallen. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Die Schönheit des alten Städte ­ baues, dem modernen Verkehr nüchtern angepaßt, zu übertragen auf den neuen Städtebau, ist des Schweißes der Edelsten wert. Die weitsichtige Regierung, als be ­ rufsmäßige Hüterin aller Ideale, weil darauf aufgebaut, voran, unterstützt von den Vätern der Städte, den wür ­ digen Uebermittlern mittelalterlicher Stadtweisheit, und dazu kunstemplindende Männer der Tat, und es wird von dem vielen Verlorenen noch manches zu retten sein. Auch hier heißt es in jeder Beziehung: Suchet, so werdet ihr finden, und wenn ihr etwas Schönes gefunden habt, so behaltet’s in einem feinen, klugen Herzen und lasset eure Kinder und Kindeskinder daran teilnehmen. In verständliche Zunftsprache übersetzt: Lasset unberufene Hände unberufen.*) Deutscher Werkbund In den Räumen der Akademie für Sozial- und Handels ­ wissenschaften zu Frankfurt a. M. hielt der Deutsche Werkbund vom 30. September bis 2. Oktober seine zweite Jahresversammlung unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Theod. *) Anmerkung: Abbildungen aus einem Städtchen auf einem und und demselben Wege in zirka einer halben Stunde gemacht. Fischer-München ab. Dieser wies in seiner Begrüßungs ­ ansprache darauf hin, daß nach zweijährigem Bestehen, das dem Werkbund zahlreiche namhafte Vertreter der Kunst, der Industrie und des Handwerks zugeführt habe, jetzt die Zeit zur Verwirklichung seiner Pläne gekommen sei. Das erste Thema, Kunst und Industrie, wurde von drei Rednern behandelt. Dr. F. Schneider, Syndikus des Bundes der Industriellen, Berlin, stellte fest, daß die Industrie, die den Gelehrten, den Erfinder, den Ingenieur in ihren Dienst stellte, jetzt auch den Künstler ihren Zwecken dienstbar zu machen beginne. Der Erziehung des Käufers müsse die Erziehung des Verkäufers, des Zwischenhändlers voraufgehen, der in der Pflege des Geschmacks einen mächtigen Ansporn für die Kauflust entdecke. Eines der letzten Beispiele hierfür sei der kürzlich in Berlin veranstaltete Schaufensterwettbewerb, bei dem die Mehrzahl der beteiligten Ladenbesitzer ganz bedeutend größere Einnahmen erzielte. Der Kunstgewerbler Prof. H. van de Velde-Weimar stellte sich auf den Standpunkt des schaffenden Künstlers. Je mehr die Künstler in der Entwicklung des Geschmacks zur Bildung eines modernen Stiles beitragen, desto we ­ niger sei die fortwährende Wiederkehr der überlebten Stilarten und der Geschmacklosigkeiten der Unberufenen zu befürchten. Der Künstler schaffe eine neue Kundschaft, und dem Industriellen müsse nur gezeigt werden, wie wichtig diese sei, dann werde er ohne eine enge Zu ­ sammenarbeit mit dem Künstler nicht mehr auskommen. Geh. Rat Dr.-Ing. H. Muthesius-Berlin erblickt in der vollen Einmütigkeit zwischen gewerblicher Produktion und künstlerischem Empfinden ein erstrebenswertes Ziel, das die manchmal divergierenden Parteien der Fabrikanten und Künstler und beide zu fruchtbarem Schaffen zu bringen geeignet sei. Ueber die Tätigkeit der Schulkommission, welche die Ausarbeitung einer Denkschrift zur Aufstellung von Leit ­ sätzen für die Hebung der ge werblichen Erziehung der Lehrlinge angeregt hatte, berichtete Dr. W. Dohrn. In der Besprechung beantragte Geh. Rat Muthesius, die Denkschrift auszuarbeiten. Prof. Riemerschmidt möchte festgestellt sehen, daß Aufträge an schulgewerbliche Anstalten vergeben werden, an denen die Lehrlinge nachweisbar geschult werden. Dohrn empfahl, einen Be ­ schluß zu fassen zur Denkschriftausarbeitung, ohne ihr durch Leitsätze die Hände zu binden. In diesem Sinne stimmte ihm Geh. Rat Sydow bei, riet aber, die Grenzen