13. November 1909 BAÜZEITUNG 363 lieh veranlaßt durch eigenartige Rechtsverhältnisse und starke bauliche Beengung, neue Typen. Hierzu kommt die schon um die Mitte des 14. Jahrhunderts stark auf ­ tretende Arbeitsteilung und mit dieser die naturgemäße Aufteilung des Einraumes. Man sucht sich zu helfen, indem man einen Teil des Einraumes durch eine Wand senkrecht zu Strebenflucht abtrennt und so einen Gang erhält, der den Verkehr zwischen Straße und Hof ver ­ mittelt. Es ist dies die fast allen aus dem 16. und 17. Jahrhundert stammenden Kleinbürgerhäusern Bens- heims und Heppenheims eigentümliche Grundrißform, SPS UTISHHS SOcm i M ii i i r Abt). 6. Türbogen, Marktstr. 10, Heppenheim wobei zu beachten ist, daß der Gang bisweilen zu einer Durchfahrt auswächst. Auf dieser Anlage entwickelt sich harmonisch der Aufbau, an unzähligen Beispielen sehen wir immer wieder die gleiche Anordnung (Abb. 1—3). Bemerkenswert durch die formale Ausbildung des Fach- werks und zugleich ein sehr markantes Beispiel schwä ­ bischer Holzgotik ist der alte Adelshof in Weinheim (Abb. 4). Ein Jahrhundert später zeigen die Fachwerk- architekturen ein Gemisch von fränkischer und schwä ­ bischer Holzbaukunst (Abb. 2), während die Schinder ­ burg zu Heppenheim (Abb. 1) schon mehr Renaissance ­ charakter offenbart. Das Haus MarktstraßelO, Heppenheim ^ (Abb. 5—7) aus dem Jahre 1579 zeigt steinernes Unter ­ geschoß, Strebenanordnung und starke Verwendung der Andreaskreuze. Neu ist das Vorkommen des kleinen dreieckigen Ecknackens. Das Dach ist gleichfalls ein stehendes, mit einer nicht uninteressanten Ausbildung des Knotenpunktes. Während das Aeußere Renaissauce- charakter trägt, ist die Innenausstattung gotisch; mehrere Türen tragen noch den Vorhangbogen zur Schau. Zeigen die bisherigen Beispiele noch den Zug der Einfachheit, so gibt der ehemalige Hof der Echter von Mespelbrunn das Bild eines sehr reich bedachten Fachwerkhauses (Abb. 8 und 9). Die gesamte Fachwerkordnung ist eine ausgesprochen fränkische mit starker Verwendung ge ­ krümmter Hölzer. Der Dachstuhl ist liegend in der Form und Ausbildung, wie er bis in das 19. Jahrhundert herr ­ schend blieb. Die Erbauungszeit fällt in das Ende des Abb. 6. Ansicht des Hauses Marktstr. 10, Heppenheim 16. Jahrhunderts. Gegen die Mitte des 17. Jahrhunderts wird die Vorliebe für ein reich ausgebildetes Fachwerk immer allgemeiner und führt bisweilen zu einer Ueber- ladung, zu einer allzu starken Verwendung gekrümmter Hölzer. Ein bezeichnendes Beispiel ist das keinen Namen tragende malerische Häuschen am Markt zu Bensheim (Abb. 10). Die Wirkung des Häuschens neben dem Haßlochschen Anwesen und dem stolzen hochgiebeligen Adelshof (Flecksches Haus) wie überhaupt die gesamte Straßenordnung und Führung ist eine vorzügliche und in städtebaulicher Hinsicht vorbildliche zu nennen. Als letzte Beispiele der Renaissanceepoche sind noch das Bendheimsche Haus in Bensheim sowie das Haus in der Abb. 7. Dachbinder und Knotenpunkt B des Hauses Marktstr. 10, Heppenheim