28. Februar 1919. BAUZEITUNG 23 geradezu einen Anreiz zum Nichtstun gibt. Sie tut es, weil sie fürchtet, die Gunst der Arbeitermassen zu ver ­ lieren, ohne zu bedenken, daß sie damit dem gewerbe ­ treibenden Mittelstand, der gerade jetzt für die Erhaltung unseres Wirtschaftslebens mindestens ebenso wichtig ist, jede Existenzmöglichkeit abgräbt. Was hilft es, daß für diejenigen Gewerbe, in denen die Arbeitsbedingungen durch Tarifverträge geregelt sind, diese Tarifverträge jetzt durch das Reichsarbeitsamt für gesetzlich erklärt wer ­ den können, ein Abweichen davon zugunsten der Arbeit ­ nehmer aber unter gewissen Voraussetzungen gestattet . wird. Es wird damit der Lohnsteigerungswut Tür und Tor geöffnet und der Arbeiterschaft ein Anreiz gegeben, sich über tarifliche Vereinbarungen ohne Bedenken hin ­ wegzusetzen. Dem Arbeitgeber aber wird die Möglich ­ keit genommen, seinen Betrieb wirtschaftlich gestalten zu können, insofern, als jede Berechnung der Betriebskosten unmöglich wird. Im Baugewerbe, das im Frieden schon ständig durch Lohnbewegungen bedroht war, muß eine solche Wirtschaftspolitik direkt verheerend wirken. Der Tarifvertrag, der während des ganzen Krieges von der Arbeitgeberschaft unter Zubilligung hoher Teuerungs ­ zulagen aufrecht erhalten wurde, wird jetzt gerade von der Reichsleitung, die sich bisher mit aller ihr zu Gebote stehenden Macht für seine Innehaltung einsetzte, plan ­ mäßig untergraben. Schon hat dieses Vorgehen weitere Kreise gezogen. Aus allen Teilen des Reichs kommen sei ­ tens der Baugewerbetreibenden Klagen darüber, daß keine neuen Aufträge erteilt werden, daß sogar schon erteilte zurückgezogen werden, weil die Bauherren bei der Un ­ sicherheit der tariflichen Vereinbarungen die hohen Kosten fürchten, die ihnen durch weitere Lohnsteigerungen er ­ wachsen könnten. Aber auch die Weiterführung bereits begonnener Bauten ist ernstlich in Frage gestellt; denn durch die gesetzliche Einführung des Achtstundentages sind den Arbeitgebern ungeheure unvorhergesehene Kos ­ ten erwachsen, nicht allein durch die dadurch bedingte Erhöhung des Stundenlohnes, sondern auch durch die verminderte Leistung. Denn es steht ohne Zweifel fest, daß jetzt in acht Stunden weniger geleistet wird, als in der gleichen Stundenzahl in normalen Zeiten. Die Minder ­ leistung des einzelnen Arbeiters am Arbeitstage wird durchschnittlich auf 33 lj * Prozent gegen früher bewertet. Dem durchaus berechtigten Wunsch der Arbeitgeber, wenigstens die Mehraufwendungen, die durch den Weg ­ fall zweier Arbeitsstunden entstehen, durch Verordnung den Bauherren in den Fällen aufzuerlegen, in denen alte Bauverträge durchzuführen sind, hat das Reichsdemobil ­ machungsamt nicht stattgegeben. Es begnügt sich damit, die Arbeitsbedingungen der Arbeiter seiner Ansicht nach zu verbessern, ohne zu prüfen, ob eine solche Belastung von den davon betroffenen Arbeitgeberkreisen überhaupt getragen werden kann. Wo dies aber nicht der Fall ist, ist eben auch durch die Lohnerhöhung für die Arbeiter keine bessere Lage geschaffen. Auch im Wirtschaftsleben gibt es ein Gleichgewicht der Kräfte. Fast scheint es, als ob man für den gewerbetreibenden Mittelstand und seine Wichtigkeit nicht das geringste Verständnis mehr besitzt. Es wird nur noch Sozialpolitik zugunsten einer Klasse, der Arbeiter, gemacht. Selbst von gewerkschaftlicher Seite („Vorwärts“ Nr. 56) ist betont worden, daß dem Unternehmertum in rücksichtslosester Weise Arbeits ­ bedingungen aufgezwungen werden, die wirtschaftlich zu den bedenklichsten Folgen führen müssen, und daß bei Fortdauer dieser Zustände ein Streik- und Aussperrungs ­ verbot auf etwa zehn Jahre notwendig werden könnte. Was uns fehlt, ist ein Wirtschaftsdiktator, der, unbeein ­ flußt von politischen Strömungen und gestützt auf eine machtvolle Regierung, der deutschen Wirtschaft zu neuem Leben verhilft und zunächst den unsinnigen Lohnerhöhun ­ gen ein Ziel setzt! Verschiedenes. Wörttb. Kunstverein. N e u ausgestellt sind : Oel- gemälde von Otto Schwarz, Rottweil, Prof. U th, Schöne ­ berg-Berlin, Prof. Theodor Lauxmann, Ignaz Kauf ­ mann, Hilde Böklen, lulius Köhrer, Stuttgart. Graphik von August Hirsching, E. Benz, Stuttgart, Helene Broxner, München, F. Eble, Schw. Hall. „Der Stuttgarter Künstlerbund“ veranstaltet in den Räumen des Württb. Kunstvereins, Kunstgebäude, während den Monaten März und April seine II, Frühjahrsschau, enthaltend Werke der Malerei, Graphik, Bildhauerei und Architektur. Kirchheitn u. T, Der Gemeinderat hat unter 51 Bewerbern Stadtbaumeister Maier von Metzingen zum Stadtbaumeister gewählt. Aufhebung des vereinbarten Mietpreises im Vermie ­ tungsrecht. Eine wichtige Entscheidung hat das Ham ­ burger Mietamt gefällt. Der Mieter hatte vom 1. April 1916 ab auf drei Jahre fest gemietet und sich nach Ablauf dieses Vertrages ein Vermietungsrecht zu 1600 Mark auf weitere drei Jahre Vorbehalten. Da die Unkosten und Lasten des Grundeigentümers in den letzten Jahren er ­ heblich gestiegen sind, so verlangte der Vermieter vom 1. April 1919 ab 1850 Mark Miete. Als der Mieter diese Erhöhung nicht bewilligte, kündigte der Vermieter die Wohnung zum 1. April 1919. Dagegen erhob der Mieter Einspruch beim Mietamt, das die Kündigung aufhob und dem Vermieter zunächst auf ein Jahr vom 1. April 1919 ab 200 Mark Miete mehr zusprach. In den Gründen zu dieser Entscheidung führt das Mietamt aus, daß sich der Mieter auf dieses Vermietungsrecht wenigstens zum Preise von 1600 Mark in Anbetracht der durch die Länge des Krieges veränderten Verhältnisse nicht berufen kann. Der Vermieter forderte 250 Mark Miete im Jahr mehr mit Rücksicht auf die gesteigerten Kosten. Der Mieter war zu einer Mehrzahlung von 100 Mark bereit und erklärte, ein jährliches Einkommen von 8000 Mark zu haben. Es müsse ein billiger Ausgleich gefunden werden. Das Miet ­ amt erachtete eine Erhöhung der Miete um 200 Mark für einen solchen Ausgleich. Gegen die Vergesellschaftung der Hypothekenbanken. Die Hypothekenbanken haben eine Eingabe an das Reichs ­ wirtschaftsamt gerichtet, in der sie sich sehr energisch gegen die Vergesellschaftung der Banken wehren. Die Hypothekenbanken hätten durchaus keine monopolistische Stellung, da der Hypothekarkredit noch von vielen anderen Einrichtungen, Versicherungsunternehmungen, Sparkassen usw. befriedigt werde. Ganz besonders stark seien daran die Lebensversicherungsgesellschaften beteiligt, und bei der steigenden Entwicklung des Versicherungswesens müsse man damit rechnen, daß die Hypothekenbanken als Geldquellen immer mehr in den Hintergrund gedrängt würden. Fehle aber der Geschäftstätigkeit der Hypotheken ­ banken der kapitalistisch-monopolistische Charakter, so könne doch nur dann einer Vergesellschaftung derselben das Wort geredet werden, wenn begründete Annahme vor ­ handen sei, daß sie zum Nutzen der Allgemeinheit von einer lebhafteren sozialen Auffassung, geleitet werden könnten. Das Aktivgeschäft der Hypothekenbanken sei das Ausleihen von Kapital. Dieser Aufgabe widmen sich die 38 Hypothekenbanken mit einer auf langjährige Er ­ fahrung gestützten Sorgfalt unter Heranziehung eines mühsam ausgewählten Agenten- und Sachverständigen ­ netzes. Gerade jetzt, wo es darauf ankomme, jeden wich ­ tigen Zweig des Wirtschaftslebens mit vollen Kräften neu zu beleben, würde es ein Unglück sein, wenn man in dies weitverzweigte Netz wirtschaftlicher Arbeit durch ein in seiner Wirkung unübersehbares Experiment ein- greifen wolle. Namentlich dort, wo die Hypothekenbanken mit den Kreditbanken vereint als sogenannte gemischte Banken wirken, würde durch die Vergesellschaftung der