98 BAUZEITUNG Nr. 33/34 lichkeiten, vorläufig zurückgestellt werden mußte. Der Theaterneubau dagegen wurde mit den nach Kriegsaus ­ bruch noch zur Verfügung stehenden Arbeitskräften ener ­ gisch weiter betrieben, so daß die Einweihung der Bau ­ anlage am 11. Juni 1915 erfolgen konnte. lieber die Einweihung und über die Bauanlage selbst schrieb damals der „Schwäbische Merkur” eine Kritik im Abendblatt vom 12. Juni 1915 unter Anderem: „Der neue Theater- und Saalbau der Tübinger Mu ­ seumsgesellschaft ist heute unter Teilnahme weitester Kreise der Tübinger Bürgerschaft der Öffentlichkeit über ­ geben worden. Der neue Saalbau, als Bauwerk eine vor ­ treffliche Schöpfung des Tübinger Stadtbaumeisters Uaug, ist für unsere Universitätsstadt zweifellos eine bedeutende Errungenschaft. Wir haben im alten Museumsfestsaal manche schöne und frohe Stunde erlebt, aber ein Festsaal war er eigentlich nur dem Namen nach; im übrigen machte er stets den Eindruck eines schwäbischen Notbehelfes; für in seiner vornehm schlichten Profilierung auch der Pros ­ zeniumsrahmen, der den Uebergang vom Festsaal zur sehr geräumigen (200 qm großen) Bühne vermittelt und dem ein versenkbares Orchester zur Aufnahme von etwa 30 bis 40 Personen vorgelagert ist. Bühne und Saalarchitek ­ tur sind gut aufeinander abgestimmt, so daß bei Kongres ­ sen und großen Veranstaltungen der große Bühnenraum in den Saal mit einbezogen werden kann. Aehnlichen Zwecken können auch der dem Festsaal seitlich vorge ­ lagerte, sehr weiträumige Wandelgang (der auch die durchaus zweckmäßig angeordneten reichlichen Kleider ­ ablagen birgt) und die auf der gegenüberliegenden Seite angegliederte Gartenterrasse dienstbar gemacht werden. Es läßt sich auf diese Weise eine Saalbreite von 27—28 m ermöglichen. Bei Theatervorstellungen läßt sich der Zu ­ schauerraum durch einen transportablen Aufbau amphi ­ theatralisch ansteigend gestalten. Er umfaßt dann 700 Sitzplätze, zu denen etwa 400 Galerieplätze kommen, zu- Oberer kleiner alter Festsaal mit Durchblick in den neuen oberen kleinen Festsaal. Theaterzwecke war er vollends fast eine Unmöglichkeit. Man muß daher der Tübinger Museumsgesellschaft und den beteiligten städtischen und akademischen Kreisen dankbar sein, daß sie eine durchgreifende Umgestaltung tatkräftig in die Hand genommen haben. Wenn der Kern der Schönheit eines Bauwesens in seinen Proportionen liegt, dann gebührt dem neuen Saal ­ bau des Tübinger Stadtbaumeisters volles Lob. Bei aller Weiträumigkeit des Hauptsaales und einem Flächeninhalt von 19,50 :24 m ist die Raumwirkung überaus fein und behaglich. Die Stellung der vierkantigen Pfeiler auf den Galerien wirkt in ihrer Einfachheit monumental und ruhig, die Ornamentierung ist von vornehmer Unaufdringlich ­ keit. Wohltuend wie die Formensprache ist auch die Farbengebung, die auf einen feinen Akkord von Weiß, Grau und Goldgelb abgestimmt ist. Sehr wirksam ist bei Tagesbeleuchtung das durch runde Fenster über den Ga ­ lerien einfallende hohe Seitenlicht. Die Galerie, besonders die Mittelgalerie, ist bei ihrer auf alle Seitenstützen ver ­ zichtenden Spannweite von 16,80 m auch in konstruktiver Beziehung bemerkenswert. Von sehr guter Wirkung ist sammen also 1100 Zuschauersitzplätze ohne Stehplätze, die alle fast gleich gut die Bühne beherrschen. Sehr geistreich ist die Art, in der der Architekt den neuen Festsaal und seine Galerie mit dem alten kleinen Museumssaal und mit einem gleich großen neuen Saal im oberen Stockwerk in Verbindung gebracht hat. Diese bei ­ den oberen Säle können durch Herausnahme von Zwi ­ schenwänden bei großen Veranstaltungen, Konzerte, Ora ­ torien an den Zuschauerraum angegliedert werden. Einen großen Fortschritt gegen früher, den namentlich die auf ­ tretenden Künstler würdigen werden, bedeuten die aufs Zweckmäßigste eingerichteten geräumigen Künstlergarde ­ roben. Alles in allem; Tübingen hat jetzt einen Theater- und Festsaalbau, auf den es stolz sein und mit dem es sich auch größeren Städten getrost an die Seite stellen kann. Auch die neue Fassade nach der Grabenstraße zu trägt den Charakter künstlerischer Vornehmheit und schlichter Selbstsicherheit. Mit großer Befriedigung wurde allseitig festgestellt, daß dem Baumeister die Akustik des Hauses aufs beste gelungen ist, ein Moment, den man bekanntlich immer mit einigem Bangen entgegensieht. Sehr erfreulich