Süd- und mitteldeutsche l./16.Nov. 1920 Heue Folge der Bauzeitung für Württemberg, Baden, fjessenv-., 1, ClsaB-Gothringen. Gegründet als Würtlembergische Bauzeitung im Jahre 1904. Inhalt: Heimstättenversicherung und Sanierung der Reichsschulden. — Die wesentlichen Bestimmungen über die äußere Gestaltung der Gebäude in der Stuttgarter neuen Ortsbausatzung vom Jahre 1919.— Formrahmen zur Herstellung von Kunststeinen. Wettbewerb. — Rundschau. — Bücher. Alle Rechte Vorbehalten. Heimstättenversicherung und Sanierung der Reichsschulden. Von Dr. ßuckendahl, Düsseldorf-Grafenberg. Die Nationalversammlung hat kurz vor ihrem Aus ­ einandergehen ihre mehr umfangreiche als erfolgverspre ­ chende Tätigkeit auf dem Gebiete der Gesetzgebung da ­ durch beendet, daß sie auch das Heimstättengesetz verab ­ schiedete. Die Bedeutung dieses Gesetzes soll keineswegs in Abrede gestellt werden, ln der Form jedoch, wie es aufgestellt ist, darf man es nur als eine Grundlage für ein noch weit auszubauendes Werk betrachten. Der Grundgedanke des Gesetzes liegt zweifellos darin, die hohen kulturellen und nationalen Werte, die in dem eige ­ nen Heim auf eigenem Grund und Boden liegen, dem Volke im weitesten Maße zugänglich zu machen. Dies wird natürlich nicht dadurch erreicht, daß man nur die Besitzer von Einfamilienhäusern, die aus begreiflichen Gründen heute nur noch selten gebaut werden, des Segens teilhaftig werden läßt. Das Heimstättengesetz muß sich unbedingt, wenn es seine hohen sozialen Aufgaben er ­ füllen soll, auf alle Wohnhäuser, alte und neue, Etagen- und Einfamilienhäuser erstrecken. Die wirkungsvollste Errungenschaft des neuen Ge ­ setzes liegt darin, daß sie für Heimstätten die aus dem Al ­ tertum übernommene, nur zu oft dauerndes Unheil bringende Einrichtung der Subhastation (subhasta) aus ­ schaltet. Die aus der Regierung hervorgegangene Natio ­ nalversammlung hat sich aber hierzu, wie so oft in ähn ­ lichen Fällen, lediglich eines Gesetzesnaragraphen bedient, ohne zu bedenken, daß der Staat als solcher bei seiner traurigen Finanzlage nicht im Stande ist, das Risiko der Aufhebung der Subhastation auf eigene Schultern zu über ­ nehmen. Dieses hätte leicht vermieden werden können, durch die Einführung einer Heimstättenversicherung unter Mitwirkung des Staates, zumal ihm dadurch statt Nach ­ teile ganz bedeutende Vorteile auf dem Gebiete der bis jetzt unlösbaren Frage der Konsolidierung seiner Finan ­ zen erwachsen. Die Heimstättenversicherung ist in früheren Jahren bereits, iedoch ohne Erfolg versucht worden. Der Grund zu diesem Mißerfolg lag aber in der Nichtbeachtung der aus der Natur des Versicherungswesens sich ergebenden Grundgesetze. Erst neuerdings ist von C. M. Heidkamp, Düsseldorf, ein einwandfreier Grundgedanke nach dem Prinzin der großen Haverei aufgestellt worden: „Grund und Boden sind Schiff, Hypotheken und andere Lasten sind Ladung. Renten Fracht, der Heimstätter ist der Ree ­ der und Schiffer in einer Person, und zusammen mit ihm sind die anderen Interessenten am Grundstück kontribu ­ tionspflichtig.“ Der Vergleich ist so zutreffend und der Gedanke liegt so nahe, daß man sich fragen muß, warum nicht schon früher eine Hypotheken- oder Heimstätten ­ versicherung auf dieser Basis versucht worden ist. In meiner Abhandlung„Heimstätten- oder Hypotheken ­ versicherung“ in der Zeitschrift für Versicherungs-Wissen ­ schaft (20. Band 4. Heft) sind eingehende Untersuchungen über die Festsetzung der Kosten einer solchen Versiche ­ rung gemacht worden. Die von dem Hausbesitzer auf ­ zubringenden Prämien sind darnach sehr gering. Be ­ rücksichtigt man aber noch, daß es ihm durch die Sicher ­ stellung aller Hypotheken bis zum höchsten Prozentsatz gelingen wird, leicht Hypotheken zu niedrigerem Zinsfuß ohne Damno auf lange Fristen zu erhalten, so kostet die Versicherung dem Heimstättenbesitzer in Wirklichkeit überhaupt nichts. Die Durchführung der Versicherung unter Mitwirkung des Staates ist so gedacht, daß die großen Organisationen der privaten Versicherungs-Gesellschaften den Gedanken ins Volk tragen sollen, und der Staat durch Uebernahme der Rückdeckung der Spitzenhypothek die Garantie des ganzen Gebäudes übernehmen soll. Dadurch würde mit einem Schlage erreicht, daß alle, selbst die höchsten Hypo ­ theken, die durch die Heimstättenversicherung geschützt sind, hinfort durch Gesetzeskraft als mündelsicher bezeich ­ net werden können. Eine Umwälzung des ganzen Hypo ­ thekenmarktes für höhere Hypotheken würde dadurch zum Segen des Volkes hervorgerufen werden. Es ist zweifellos, daß es sich hierbei — ein entspre ­ chender Ausbau des Heimstättengesetzes vorausgesetzt — um ungeheure Summen handeln wird. Ein weites Feld tut sich für den Staat auf: eine Sozialisierung des Hypo ­ thekenmarktes für höhere Hypotheken, bei der alle Inter- essentengruppen nur gewinnen können, und kein anderer Schaden erleiden kann, als höchstens skrupellose Speku ­ lanten, die aus dem Unglück ihrer Mitmenschen Gewinn schöpfen. Das Hynothekenwesen für höhere Hypotheken, das bis heute durch besondere Institute noch nicht orga ­ nisiert ist, ist eine der wenigen Einrichtungen, die wirk ­ lich „reif zur Sozialisierung“ sind. Nähme der Staat nach dem Vorbilde der Hypothekenbanken für erststellige Hypo ­ theken die Verleihung der höheren Hypotheken durch Aus ­ gabe von Pfandbriefen selbst in die Hand, so erwiese er nicht nur der Gesamtheit des Volkes einen ungeheuren Dienst, sondern er hätte auch selbst endlich einen Weg gefunden, einen wesentlichen Teil seiner ungedeckten No ­ tenumläufe konsolidieren zu können. Auf allen inneren und internationalen Zusammenkünf ­ ten ertönte bisher vergeblich der Ruf nach Mitteln und Wegen zur Sanierung der überaus betrübenden Finanz ­