15 nische Spradie, obwohl sie linguistisch ganz anders ist als die chinesische, mit chinesischer Schrift geschrieben wird; und die Ja ­ paner haben schon damals bei der Aneignung dieser Kultur die ­ selbe erstaunliche Übernehmungsfähigkeit gezeigt, wie in der Gegenwart bei der Aneignung der Vorzüge der abendländischen Zivilisation. Trotzdem ist es aber falsch, nun alle Ostasiaten in einen Topf zu werfen, wie es bei uns, auch bei den sogenannten Gebildeten, noch fast immer geschieht. Nichts ist falscher, als Chinesen und Ja ­ paner für ganz identisch zu halten. Um die Verschiedenheit beider Völker für jeden an völkerkundliche Unterscheidungen Gewöhnten mit einem einzigen Beispiel zu beleuchten, sei nur darauf hinge ­ wiesen, daß der Chinese im allgemeinen wie wir auf Stühlen sitzt, der Japaner aus dem Volke dagegen auf seinen Fersen hockt. Der Japaner hat im Mittelalter bei der Übernahme der chinesischen Gesittung genau so, wie er es heute mit der europäischen macht, nur das übernommen — das aber mit der größten Energie —, worin er eine wirkliche Überlegenheit anerkannte, daneben aber seine nationale Eigenart vollkommen gewahrt. So hat sich trotz dieser Übernahme das japanische Volk ganz anders entwickelt als das chinesische. Es war bis zu seiner Erschließung in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ein Volk von feudalistischer Verfassung und aristokratischer Gesellschaftsstruktur, was auch heute noch hindurchleuchtet. Ein militaristisches Volk mit ausgesprochen ritter ­ lichen Idealen, einem Sdhwertadel und einem alle Volksteile um ­ fassenden, geradezu religiösen Staats- und Vaterlandsgefühl. Der Kaufmann galt bis vor kurzem dort ungefähr ebensoviel wie bei uns im Mittelalter. Ganz umgekehrt ist das chinesische Volk, trotz seines absoluten Kaisertums, seit zwei J ahrtausenden durchaus demokratisch eingestellt; einen Adel unserer Art gibt es überhaupt nicht; tatsächlich kann dort jeder alles werden, weitgehendste Selbstverwaltung herrscht in Gemeinde-, Stammes- und Familien ­ verbänden. Seine Grundanschauung ist ausgesprochen unmilitärisch, die Künste des Friedens haben stets höher gegolten als die des Krieges. Der Gelehrte, der Kaufmann galten alles, der Soldat — von den anormalen Zeitläuften der Bürgerkriege abgesehen — sehr wenig. Auch ein eigentliches Vaterlandsgefühl kannte der Chinese bis vor kurzem nicht. Nationalgefühl ist Rivalitätsgefühl; der Chinese war aber infolge der Bewunderung, die seine Kultur über ­ all genoß, und der Größe seines Weltreiches durchaus universali-