Ueber die Theorie der Erscheinungen der Capillaritát. l. Eine schwere Flüssigkeit hat im Zustande der Ruhe eine horizontale freie Oberfläche, wenn diese Oberfläche hinreichend weit von den begrenzenden Flächen der Wände des Gefässes, das die Flüssigkeit enthält, entfernt ist. Beobachtet man "aber diese Oberfläche in der Nähe der begrenzenden Wand, so sieht man, dass die freie Oberfläche zunächst bei dieser entweder in einer concaven Fläche an der Wand ansteigt, oder mit convexer Fläche abwärts geht, und nur in den seltensten Fällen, vielleicht nie bis an die Wand eben bleibt. Noch auffallender tritt diese Erscheinung auf, wenn man die Flüssig- keit in einem weiten Gefásse mit derselben Flüssigkeit in einem sehr engen Gefásse, etwa einem sehr engen Róhrchen, einem Haarróhrchen, communiciren lüsst. Statt wie diess nach den Gesetzen der Hydrostatik bei alleiniger Wirkung der Schwere folgt, in beiden Gefássen durch eine Horizontalebene begrenzt zu sein, steht die Flüssigkeit in dem Haarróhrchen entweder hóher oder tiefer als in dem weiteren Gefüsse, und die Oberfläche der Flüssigkeit ist dabei in dem engen Röhrchen im ersten Falle concav, im zweiten convex nach oben. Diese und verwandte Erscheinungen nennt man die Erscheinungen der Capillarität, und zwar spricht man von einer Capillarerhebung oder von einer Capillardepression, je nachdem die Flüssigkeit in dem engen Röhrchen höher oder niederer steht als in dem mit der Röhre verbundenen weiteren Gefüsse. 2. Von einer Flüssigkeit mit vollkommener Beweglichkeit ihrer Theile lehrt die Hydrostatik, dass die freie Oberflüche in der Ruhe rechtwinklich stehen müsse auf der Richtung der Kraft, welche auf die Theilchen der Flüssigkeit in der Oberflüche einwirkt. Ist diese nur die Schwerkraft, so muss also diese Oberfläche horizontal sein. Diess ist aber bei den Flüssigkeiten in der Nähe der begrenzenden Wand nicht der Fall, dort ist die Oberfläche gekrümmt, entweder gegen die Wand ansteigend, concav nach oben, oder von der Wand abgekehrt, convex nach oben. Es muss also hier noch eine weitere Kraft neben der Schwere auftreten; der nächste Gedanke ist, eine anziehende Kraft der Wand auf die Flüssigkeit im ersten, eine abstossende Kraft im zweiten Falle anzunehmen. Dass eine solche Attraction zwischen der Materie der Wand und den Flüssigkeiten stattfindet, weiss man aus den Versuchen mit Adhäsionsplatten, welche man von den Flüssigkeiten, mit welchen sie in Berührung stehen, abzureissen sucht. Man weiss, dass hierzu eine ziemlich grosse, messbare Kraft erforderlich ist, man hat aber auch bei Glas und Quecksilber und andern Platten und Flüssigkeiten, bei welchen eine Capillardepression und keine Erhebung eintritt, immer eine Anziehung, niemals eine Abstossung bei den Versuchen mit Adhäsionsplatten gefunden. Nur zeigt sich ein Unterschied: bei den Platten, an welchen die betrachtete Flüssigkeit Capillaransteigung zeigt, ist bei dem Versuche über die Adhäsion die Platte nach dem Abreissen noch benetzt, mit einer Flüssigkeitsschichte überzogen, bei den Platten aber, an welchen