10. Unter Führung der Volkspartei. 1895-1912. Zu den Neuwahlen am [. Februar 1895 zog die Volkspartei aus mit der Loſung: fort mit den Lebenslänglichen, fort mit allen Privilegierten aus der 2. Kammer, her mit der progressiven Einkommen- und Vermögenſsteuer! Eine allgemeine Einkommensteuer hatten auch die Nationalliberalen ſchon bei Beratung des Haushaltplanes für 1889/91 beantragt, und die Kammer hatte den Antrag zu dem ihrigen gemacht. Nun forderten auch sie im Wahlprogramm weiter für die 2. Kammer ausſchließlich die allgemeine, direkte und geheime Wahl und die Abſchaffung der Lebenslänglichkeit der Ortsvorsteher, aber unter Abnahme ihrer staatlichen Aufgaben und unter besserer Siche- rung ihrer Unabhängigkeit gegen unten und oben, endlich für die Volksſchyle fachmännische Schulaufsicht. Für die Regierung und ihre bisherigen Freunde im Landtag lagen die Verhältnisse bei den Neuwahlen nicht günstig. Die wirt- schaftliche Lage war gedrückt, die Landwirtſchaft in sichtlicher Notlage; in weiten Kreisen herrschte Unzufriedenheit über den Steuerdruck, ver- stärkt durch eine rückständige Gemeindebeſteuerung; die Ulasse der Handarbeiter drängte mächtig empor und griff das Bestehende in seinen Grundlagen an. Allenthalben herrschte Unzufriedenheit, gesteigerte Begehrlichkeit, Mißmut, Unruhe. Die hiergegen im Reichstag ange- kündigte Umiſsturzvorlage begegnete lebhaftem Widerspruch. Auch an- dere Vorgänge im Reich, namentlich manches Wort des jungen Kaisers, wurden scharf angefochten. So brachten denn die Wahlen einen Um- schwung und eine neue Parteigruppierung. Mit 31 Mitgliedern kehrte die Volkspartei als die stärkste Partei zurück; die Nationalliberalen errangen nur 153 Sitze; die katholischen Mitglieder der Landespartei und der Linken sammelten sich im Zentrum mit 20 Mitgliedern; die Uberbleibsel der Linken und der Landespartei, die Privilegierten und der neue Bund der Landwirte sſchloſſen sich als Freie Vereinigung lose zusammen. Daneben waren die zwei ersten Sozialdemokraten in den Halbmondsaal eingezogen. Nun übernahm die Volkspartei die Führung in der 2. Kammer. Sie war dabei in der glücklichen Lage, ihr in Payer einen ausgezeichneten Präsidenten zur Verfügung stellen zu können. Der Beobachter frohlockte, ein neuer Abschnitt in der Geſchichte Württembergs habe begonnen. Die Thronrede vom 20. Februar 1895 hatte das Vorgehen der Regierung in der Verfaſſungsfrage abhängig gemacht von einer Klärung