Heute meine ich erkannt zu haben, daß in Eiermanns besten Bauten gerade diese Spannung zwischen den gegengerichteten Tendenzen besticht, zwischen der "geschlossenen Ordnung" einerseits und der "Transparenz" andererseits. Seinerzeit, während meiner Studienzeit, gab es für mich zwei "Schlüsselworte". Das eine Wort hieß "materialgerecht", das andere "werkgerecht". Heute fühle ich in diesen Begriffen auch Unduldsamkeit und mich stört die in diesen Schlüsselworten liegende Behauptung, das eine als richtig, das andere als falsch erkennen zu können, das eine als "gerecht", das andere dann wohl als ungerecht. A Seinerzeit jedoch halfen mir diese Begriffe. Sie boten Hilfe bei der eigenen Arbeit und auch eine Brücke zu den Werken Egon Eiermanns, obwohl ich eigent- lich von einer anderen Art von Architektur kam und zu einer anderen Art ging und obwohl diese Begriffe die Arbeiten Eiermanns nur unvollkommen erfaßten. 1946 bis 1957 hatte ich im Gefangenenlager begonnen, Architektur zu studieren; so gut das dort ging. Mein Lehrer war Bernd Kösters, ein früherer Assistent Paul Schmitthenners. Wir gingen davon aus, daß Gebäude im Rahmen der Gesetze natürlicher Materialien und des Handwerkes sich entwickeln sollten, also in einem quasi "natürlichen" Rahmen, auch bezüglich ihrer Erscheinungen. Eingriffe des Planers waren unangebracht. Ein Spruch lautete damals "einem Architek- ten soll nichts einfallen". Man liebte wohl Wortspiele.