Julıus Posener: "Egon Eiermann und seine Architektur in den dreißiger Jahren" Sie wissen, daß wir vor einem Monat etwa in Berlin eine Egon-Eiermann-Ausstellung eröffnet haben. Gustav Hämer hat ein paar kräftige Worte gesagt, und dann habe ich einen Vortrag gehalten. Ich habe einen Vortrag gehalten, weil ich Egon "damals" gekannt habe. Wir sind genaue Zeitgenossen, Jahrgang 04, ja sogar Herbst 04, das heißt, ich dachte, ich sei ihm nun wirklich sehr nah. Damals war ich ihm auch deswegen nah, weil er ein Meisterschüler von Hans Poelzig war, und weil ich immerhin auch ein Schüler von Poelzig war. So habe ich mich denn bereden lassen, über Egon Eiermann, von dem ich sehr wenig wußte, an den ich nur eine sehr warme, menschliche Erinnerung hatte, von damals, aber auch von späteren Zeiten nach dem Krieg, über diesen Egon also einen Vortrag zu halten. Als ich aber den Raum verließ, das war in einem Raum der Akademie, da drückte mir Brigitte Eiermann einen Band Briefe von Egon in die Hand, die ich nicht gekannt hatte: 150 und ich habe sie verschlungen. Das sind Briefe in der Auswahl, die sich fast ausschließlich mit dem Gebauten, mit der Notwendigkeit, Stellung zu nehmen im Gebauten, beschäftigen. Es sind übrigens Briefe, die man als durchaus, sagen wir einmal, offen bezeichnen darf. Hier lese ich Ihnen ein paar Zeilen eines Briefes an einen Bildhauer, der eine Figur für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, Egon hat sie immer so genannt, in Berlin entworfen und Egon vorgeführt hat. Der Brief lautet etwa so: "Ich finde die Geste schablonenhaft. Ich finde die menschliche Darstellung ausdruckslos, weil weder die Entrückung, noch der Glanz des Auferstandenen einen Ausdruck finden, und ich möchte auch sagen dürfen, daß der anscheinende Schwebezustand oder vergeistigte Zustand des Körpers für mich nur ein scheinbarer ist, da diese Wirkung durch Vernachlässigung der anatomischen Wirklichkeiten erreicht werden soll. Ich sage Ihnen das ganz offen und ehrlich, und Sie mögen mir verzeihen, wenn ich aus meiner Sicht behaupte, daß dies eine Plastik für Lieschen Müller ist." Der Brief